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1. Besuch beim Psychotherapeut

Mein erster Besuch wegen Trans* beim Psychotherapeuten

Von Carlo

Als ich vor fast 1/2 Jahr wegen eines Termins beim Psychotherapeuten anrief, hatte ich 3 Gründe:

  1. Sollte ich irgendwann mal an einen Gutachter geraten, für den die Standard’s of Care das ein und alles sind, wäre es günstig, eine Psychotherapie nachweisen zu können.
  2. Es können immer mal Situationen eintreten, in denen sogar ich professionelle psychische Hilfe benötige. Bei Anmeldezeiten von 1/2 Jahr ist es da günstig, einen Psychotherapeuten zu kennen, der auch mal kurzfristig Zeit für mich hat.
  3. Ich befürchte, dem Anpassungsdruck, der auf mich durch die Gesellschaft ausgeübt wird, nicht immer ohne Hilfe standhalten zu können.

Im November 2001 durfte ich schon mal einen Test, der mich an einen Teil eines Intelligenztestes erinnerte, machen und einen Fragebogen zu meinem psychischen Befinden ausfüllen. In Auswertung dessen war der Psychotherapeut erstaunt, was ich von ihm wollte. Er konnte keine Anhaltspunkte für psychisches „Unwohlsein“ erkennen. Ich konnte ihm diese Schlussfolgerung nur bestätigen, denn im Moment geht es mir wunderbar.

Seit Anfang Januar bekomme ich Sustanon 250 alle 14 Tage gespritzt. Erste Veränderungen hin zum Männlichen werden sicht- und v.a. hörbar. Von Familie, Bekannten und KollegInnen werde ich akzeptiert und unterstützt. Freude und Leid kann ich mit der Trans*-Gemeinde teilen, die in akuten Krisensituationen auch sofort die rettenden Hinweise hat. Physiotherapeut und Logopädin geben sich die größte Mühe aus mir einen akzeptablen Mann zu machen. Da kann es einem doch nur gut gehen.

Nach ca. 20 Minuten war klar, dass der Psychotherapeut und ich einen Draht zueinander gefunden haben. Die Chemie stimmt – wie man so sagt. Ich habe das Gefühl, er akzeptiert mich wie ich bin. Ihn muss ich nicht davon überzeugen, dass ich auch ein Mann bin. Und er ist bereit, mir zu helfen, obwohl keine Psychotherapie notwendig ist.

Mit Denkanregungen hat er auch gleich begonnen. Die Mastektomie ist für mich zur Zeit ein aktuelles Thema. Es ist unbestritten, dass ich diese nur für mich selbst brauche. Ich würde sie auch machen lassen, wenn mich nie jemand anderes sehen würde. Darüber wurde auch gar nicht weiter diskutiert. Die Frage nach dem „warum“ wurde zu einem interessanten Gespräch über den Unterschied zwischen Männern und Frauen. Meine Vorstellung ist es ja, durch die OP Körper und Psyche einander anzunähern. Zur Zeit agiert ja mein Körper ohne, dass eine Verbindung zur Psyche besteht. Und genau das ist typisch männlich – meint der Psychotherapeut. Frauen hingegen suchen ständig nach Harmonie in allen Bereichen – also auch zwischen Körper und Psyche. Wozu führt demzufolge eine OP? In jedem Fall nicht zur Zufriedenheit!

Fall 1 – Die OP ist erfolgt, eine Annäherung von Körper und Seele ist erfolgt. Da dieses Gefühl für einen Mann nicht erträglich, da untypisch, ist, werde ich unzufrieden.

Fall 2 – gleiche Ausgangslage, aber ich bin total zufrieden mit dieser Annäherung. Das wäre typisch weiblich. Ich stecke aber nunmehr in einem männlich aussehendem Körper. Und werde logischerweise unzufrieden.

Schlussfolgerung: Eine OP macht mich nicht zufriedener als ich im Moment bin.

Da ich auf anderem Wege schon zu der Schlussfolgerung gekommen bin, dass ich nie im Leben einen Status erreichen werde, in dem ich ganz ich selbst bin, fand ich das nicht schockierend. Es bestätigte mir nur etwas, was ich selbst schon erkannt hatte.

Für mich ist es gut, jemanden zu haben, mit dem ich gemeinsam versuche abzuschätzen, was in der jetzigen Situation für mich notwendig ist und was möglicherweise noch warten kann.

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