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Ehepartner

Transmann und Ehepartner

von Christoph

 

Interview mit Christophs „Noch-Ehemann“ Herbert. (Stand April 2001) !

Herbert, seit Juli 2000 weißt Du das Chris ein Frau zu Mann Transident ist. Ihr lebt noch in einer Wohnung mit den gemeinsamen Kindern zusammen. Jeder hat sein Zimmer in das er flüchten kann ,wenn es einem ,aus was für Gründen auch immer, mal zuviel wird…

Wie gestaltet sich den seither Euer Alltag?

Eigentlich ganz gewöhnlich wie woanders auch!
Ich gehe jeden Morgen zur Arbeit. Chris bringt jeden Morgen unsere Große in die Schule, versorgt den Jüngsten und schmeißt den Haushalt .Wir unternehmen mal gemeinsam etwas, mal jeder für sich vom anderen getrennt, je nach Lust und Laune. Wir ärgern uns genauso, wie andere Eltern auch, über unserer Kinder. Freuen uns mit ihnen ,lachen mit ihnen. .Wir streiten und vertragen uns wieder .Trotz des Coming outes von Chris hat sich so im Moment an der Lebens Art und Weise nicht viel geändert, das kommt erst alles noch ,aber wir sehen dem Ganzen ziemlich gelassen entgegen.

Ist das jetzige Miteinander ein anderes als zuvor als Ehepaar (Mann und Frau)?

Ja natürlich .Zuvor bestand dieser immense Beziehungsdruck, den wir beide nicht zu deuten wußten. Wir stritten oft wegen Kleinigkeiten. Chris war oft krank oder depressiv ,demnach auch ziemlich launisch .Oft wußte ich nicht was ich denn nun schon wieder falsch gemacht habe, und das Ganze Drumherum legte sich auch mit der Zeit auf die Kinder nieder… .Erst als die Fronten geklärt waren ,sich Chris geoutet hatte, warum er so war wie er war, entspannte sich unser Verhältnis zueinander .

Wie war das als Chris sich Dir gegenüber geoutet hatte?

Natürlich war es ein chaotischer Tag…, zumal wir vorher mächtig stritten…aber so im Großen und Ganzen war es für mich dann keine Überraschung mehr da ich für mich schon selbst etwas ahnte. Nur genau deuten was es ist oder betiteln das wußte ich nicht. Ich dachte mir bis dato immer das Chris eventuell lesbisch sei, weil die Kontakte immer mehr in die Schwulen und Lesbenkreise führten.
Als dann das Wort „transsexuell“ fiel und das Ganze mir von Chris beschrieben wurde, kamen in mir Gedanken auf, wie man das dem Umfeld erklären solle. Ich machte mir einen mächtigen Kopf wegen der Freunde und Bekannten ,wegen der Verwandtschaft, wegen der Schule und dem Kindergarten und natürlich auch wegen unserer Kinder… . Wie würden alle diese Leute damit umgehen können, darauf reagieren…wie würde Chris je wieder einen Beruf ausüben können mit der „Problematik“ im Vordergrund. Was würden Kollegen und der Arbeitgeber dazu sagen. Wie würde Chris sein Leben regeln wollen mit all den Plänen und dem langem und beschwerlichen Weg..?! Ich stellte mir alles so schwer und unmachbar vor..
Dann schossen mir natürlich auch die Gedanken durch den Kopf was UNS betraf. War es vorbei? Läßt „sie“ sich jetzt scheiden?
Ich fühlte mich auch um die Liebe betrogen…hatte mich meine Frau all die Jahre belogen und mich nur als „Versuch “ benutzt ?So was weiß man doch nicht erst von Heut auf Morgen ..so etwas weiß jemand doch schon immer…warum hatte sie es mir nicht gleich erzählt..? Warum wollte er/sie dann Kinder? Warum bekam er/sie dann Kinder, wenn doch keine Übereinstimmung mit dem eigenen Körper war?

War Dir das Thema Transsexualität bis dahin bekannt gewesen?

Ach wie man’s nimmt ja und nein!
Außer den oberflächlichen Floskeln von den Medien her wußte ich nicht viel und eben nur das es so etwas gibt.
Sicher als Chris das Wort Transsexualität erwähnte dacht ich zu aller erst :Was ist das? Erst als man mir alles etwas genauer erklärte, wußte ich zumindest im entferntesten Sinne etwas davon. Doch so richtig verstehen als solches konnte ich es noch nicht. Ich konnte verstehen wenn jemand schwul oder lesbisch war oder meinetwegen bisexuell. Verstehen wenn einer kein Gemüse mochte oder eine Farbe hasste .Ich dachte bis dato immer : Ein Mann kommt als Mann zur Welt, lebt so sein ganzes Leben und stirbt auch so und genauso andersrum bei einer Frau…Aus , Amen, Äpfel, Ende…oder etwa doch nicht ???????

Hast Du dann versucht Dich darüber zu informieren oder es gar zu verstehen?

Nun, ab dem Tag selbst stellten sich mir persönlich zwei Möglichkeiten. Das Ganze Ablehnen und Gehen und dann auf ewig streiten oder versuchen es zu akzeptieren und etwas zu verstehen und bei Chris und den Kindern zu bleiben .
Im Laufe der folgenden Tage ,Wochen und Monate haben wir uns in Gesprächen viel ausgetauscht .Chris erzählte nun viel über seine Kindheit und seine Gefühle. Warum alles so kam wie es jetzt war…informiert über das Thema Transsexualität selbst habe ich mich natürlich in erster Linie durch Chris und dann auch durch das Internet, durch Broschüren und Bücher. Auch der Kontakt zu anderen Transmännern half mir das Ganze nicht mehr arg so schlimm und verzweifelt zu sehen. Ich erkannte die Normalität der Menschen und das jene, trotz Ihrer Trans*, keine Antennen auf dem Kopf trugen .Gesucht nach der Frau in den Transmännern, die ich da nun vor mir stehen hatte, habe ich die erste Zeit natürlich schon. Allein schon mit dem Gedanken: „Ich werde euch beweisen das ihr mal Frauen ward oder noch seit…“.und ich mußte zu meinem Verblüffen feststellen das man so vom Groben her keinen Unterschied bemerkte. Also ein deutliches 1:0 für die Transgender! Verstehen wie sich jemand fühlt fremd in seinem eigenen Körper zu sein konnte ich wenig .Ich selbst für mich bin gerne Mann und fühle mich so wie ich bin wohl in meiner Haut., Dem nach habe ich mir nie große Gedanken gemacht ob es anders besser wäre. Ich würde auch gar keine Frau sein wollen. Warum auch, war ja nie eine Frage für mich! Ich denke ,wenn man nicht direkt selbst von solchen Zweifeln und innerlichen Zerwürfnissen betroffen ist, tut man sich einfach schwer das zu verstehen wie es ist.. Die Hauptsache ist, das man es als Betroffener Angehöriger akzeptiert und nichts weiter hinderliches in den Lebensweg und den Plänen des anderen legt. Das wäre unfair und würde beiden nichts bringen..

Wie gehst Du heute damit um?

Eigentlich ganz locker …Es gehört mit zu unserem und zu einem gewissen grad auch zu meinen persönliche Alltag. Durch die Infos habe ich ein Wissen darüber und der Stress, in dem mir tausend und eins Gedanken deswegen durch den Kopf schossen, hat sich gelegt… .

Wird es eine gemeinsame weitere Zukunft mit Christoph ,den Kindern und Dir geben?

Ja und Nein………
Das heißt weiterhin zusammen leben werden wir nicht !!! Wir sind kein Liebespaar, da wir beide nicht schwul sind und niemals sein werden. Ich habe Chris als Frau geheiratet und geliebt, zusammen mit ihr Kinder bekommen.
Nun wird aus Christina Christoph und somit für mich als Partnerin unrelevant..
Wir werden uns auch in der nächsten Zeit was das Räumliche an geht trennen ,weil auch hier jeder seinen Freiraum haben möchte. Ich will ebenso wie Chris wieder in Punkto Beziehung jemanden finden und das wäre bei einem weiteren Zusammenleben und wohnen doch mit der Zeit etwas schwer. Da müßte die Wohnung schon sehr groß sein damit keiner dem anderen auf die Nerven geht.
Das heißt die Scheidung als solches läuft aber nicht weil wir uns, platt gesagt „böse“ sind ,sondern weil wir beide der Meinung sind, das wir als Heteromänner nicht miteinander verheiratet sein können.. Chris hat seine Namensänderung und Personenstandsänderung beantragt und für das letztere Verfahren der PÄ muß unsere Ehe geschieden werden.
Was unsere zwischen menschliche Beziehung betrifft, so haben wir uns auf einer liebevollen geschwisterlichen Basis wieder genähert, und wir kommen nun viel besser mit einander aus als zuvor. Das heißt also vom menschlichen Umgang miteinander werden wir immer etwas gemeinsam haben. Nicht nur wegen der Kinder, sondern auch weil wir zu sehr guten Brüdern geworden sind… .

Du hast im Laufe des Interviews immer auch die Kinder erwähnt, wie gehen die denn damit um das Mama nun ein Mann wird?

Hm……Da muß ich passen ,denn die eigentliche Aufklärung hat Chris automatisch übernommen, da er das Elternteil ist, das am meisten mit den Kindern den Tag verbringt. Was ich weiß geschah das step by step und nichts war geplant so nach dem Motto :so nun hört mal schön zu … .
Es kamen hier und da mal Situationen wo Chris sich den Kindern ,speziell der Großen, gegenüber erklärte. Wie zum Beispiel als Chris einmal in einem Katalog blätterte und nur Herrensachen ankreuzte. Julia fragte warum ,denn er wäre doch eine Frau und als Frau trüge man doch Röcke und überhaupt wären die Seiten dafür ganz woanders…Chris erklärte, das er sich mit Herrenkleidung besser gefiele so wie eben unsere Julia sich in Röcken und Kleidchen gut gefiel, und er sich so angezogen wie ein Mann wohler fühle. Das genügte Julia vorerst als Erklärung und genauso wurde das Thema Trans* bei unseren Kindern Schritt für Schritt aufgebaut ohne groß was erklären zu müßen. Sicherlich unsere Kinder wissen in ihrem Alter noch nicht was transidentisch ist, aber sie wissen das Mama ihre Mama ist und auch bleibt. Auch wenn sie mit der Zeit mehr wie ein Mann aussieht mit Bartstoppeln und Brummbärstimme. Hauptsache für die Kinder war, das Mama bei ihnen bleibt und sie lieb hat egal was kommt. Meiner Meinung nach was ich so beobachtet habe und was zugegeben auch meine größten Bedenken waren :
Die Kinder haben durch die Transidentität ihrer Mutter weder einen psychischen noch einen moralischen Schaden bekommen. Wären wir ein Ehepaar gewesen, das sich wie gewöhnlich wie alle im Rosenkrieg getrennt hätte ,wären die Folgen für die Kinder viel schlimmer gewesen. Auch wenn Chris nichts gegen seine innersten Zerwürfnisse gemacht hätte, weiter so geblieben und so gelebt hätte und sich zum Schluß doch noch das Leben genommen hätte, wären die Folgen für die Kinder schädlicher als alles andere gewesen.
Somit kann ich es nur begrüßen das Chris endlich zu sich selbst steht und nun seinen Weg und seine Pläne verwirklicht.
Wichtig ist ganz einfach das wir auch da zusammen halten und das wirkt sich letztendlich wiederum positiv auf die Kinder aus.
Ich denke beide Kinder entwickeln, sich trotz allem völlig altersbedingt normal und bekommen wie alle anderen Kinder genau soviel Liebe und Geborgenheit, genau soviel Aufmerksamkeit und ebenso Schelte wenn sie mal ihren Querkopf haben.

Was kannst Du anderen Ehemännern in der Situation raten?

Das ist schwer jemanden da etwas sinnvolles zuraten. Nun, ich für mich persönlich habe herausgefunden, das es nichts bringt sich dagegen zu wehren ,zu streiten oder durch Rausschmiss des Ehepartners die Lage zu entkrampfen oder gar zu lösen. Wichtig ist das man sich ganz genau fragt: Will ich das mitmachen? Kann ich das durchstehen? Will ich überhaupt was davon wissen? Sind Kinder da aus der Ehe, dann richtet sich natürlich in erster Linie der Entschluß zu Gunsten der Kinder und man sollte trotz aller Wut und Enttäuschung versuchen mit einander zu reden. Nur so erreicht man Klarheit in so einer Situation. Mein Entschluß war eben der ,bei meinen Kindern und bei Chris zu bleiben und versuchen zu helfen wo ich meiner Meinung nach helfen konnte.

 

Ich danke Dir recht herzlich für Deine Offenheit und wünsche Dir , Christoph und den Kindern alles Gute für Eure weitere Zukunft.

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