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Mein Werdegang

Bericht zu meinem Werdegang

 

von einem 15jährigen Transmann für seine Krankenkasse

 

Fange ich einfach mal mit der Frage an, wer ich bin?
Auf die Frage selber finde ich keine wirkliche Antwort.

Natürlich, in meinem Ausweis stehten Daten wie mein Name, mein Geburtsjahr und mein Geburtsort aber ist das wirklich eine Antwort auf die Frage, wer ich bin?

Ich denke nein. Es ist eher ein Beleg meiner Identität. Meiner Ansicht nach ist die Identität nicht gleich meine Persönlichkeit. Meine Persönlichkeit aber ist die Antwort auf die Frage: „Wer bin ich“.

Eine Selbsteinschätzung über meine Persönlichkeit würde trotz alledem keine wirkliche Rolle in diesem Bericht spielen, deswegen überspringe ich diese Frage und antworte auf die wohl alles umfassenden zwei Fragen:“Wie fühle ich mich“ und „wie lebe ich“.

Damals machte ich mir noch keine wirklichen Gedanken über mein Geschlecht. Natürlich gab es ab und zu Situationen, in denen ich einfach dort stand und mir dachte, irgendetwas stimmt nicht, aber erst Anfang der 4. Klasse wusste ich nicht nur, dass etwas nicht stimmte, ich wusste, es ist etwas falsch.

Nun stellt sich Frage, wo liegt der Unterschied zwischen dem Gedanken „etwas stimmt nicht“ und „etwas ist falsch“.  Die Antwort ist in diesem Falle ganz einfach. Zu denken, dass etwas nicht stimmt, ist nur eine Unwissenheit (Spekulation), ein Zweifel an etwas oder jemanden. Zu wissen, dass etwas falsch ist, ist aber das Wissen.

Also wie schon gesagt, Anfang der 4. Klasse begriff ich, dass etwas falsch war. Ich erinnere mich noch genau an die Situation. Es war das erste Mal, dass wir Schwimmunterricht in der Schule hatten. Einen Tag zuvor befahl mir die Lehrerin, ich solle am nächsten Tag im Badeanzug zum Schwimmunterricht erscheinen. Nun stand ich da, vor all meinen Klassenkameraden. Noch nie hatte ich mich so gedemütigt gefühlt. In Ihren Augen erkannte ich die Verwunderung, die Verwirrung weiblich dargestellt zu werden war keiner gewohnt. Trotz alledem wusste ich, sie fühlen nicht wie ich.

Wie ich mich fühlte? Ich kann es fast nicht beschreiben ohne in Tränen auszubrechen. Ich schämte mich. Ich schämte mich so sehr, dass ich am liebsten im Boden versunken wäre.

Für mich fühlte es sich nicht nur wie schamlos ausgenutzt und diskriminiert zu werden an. Für mich fühlte es sich wie Körperverletzung an. Ich fühlte mich bloßgestellt, entwürdigt und vor allem nackt. Dort stehend, auf mich hinunter zu blicken weckte den Gedanken in mir: „Das bin ich nicht. Das gehört nicht zu mir. Das ist falsch“.

Genau diese Einstellung der Lehrer, ich solle mich gefälligst meinem Geschlecht anpassen, weckte in mir einen so großen Hass. Ihnen klar zu machen, wie ich mich fühlte, machte keinen Sinn, da ich wusste, sie würden sich nur wegdrehen. Feige waren sie alle. Feige, mit etwas Neuen konfrontiert zu werden was das Leben eines kleinen ungewöhnlichen Schülers betraf, der Hilfe suchte.

Ich staned immer zwischne diesen beiden Gedanken. Der eine sagte mir, ich soll mich anpassen und normal sein. Der andere hingegen sagte mir, ich solle ich selbst sein. Für mich, als 9-jährigen war das nicht so leicht. Ich kannte meine Problematik nicht und ich fühlte mich unnormal. Ausgeschlossen wurde ich nie. Ich hatte auch immer Freunde, aber diese Blicke, die von den anderen kamen, immer diese Fragen, die sie stellten, lösten in mir eine Angst aus.

Ich wollte normal sein, ich wollte mich meinem Körper anpassen, ich versuchte es auch, aber es ging nicht. Immer dieses unwohle Gefühl, wie ein Mädchen auszusehen, immer diese Scham, vor anderen wie ein Mädchen zu sein. Ich fühlte mich einfach falsch als Mädchen.

Als ich dann mit 11 immer noch nicht aufhörte, mich wie ein Junge zu benehmen, begannen wir (meine Mutter und ich) das Thema zur Sprache zu bringen. Meine neuen Klassenlehrer schreckten nicht vor diesem Thema zurück. Ganz im Gegenteil. Ich merkte, wie sehr sie sich bemühten, mir zu helfen. Sie suchten im Internet nach Informationen, halfe mir, in der Klasse den anderen zu erklären, wie ich mich fühlte, ließen mich bei allen Aktivitäten bei den Jungen dabei sein und halfen mir, darum zu kämpfen, dass ich im Sportunterricht als Junge angesehen wurde, wozu gehörte, das ich größere Leistung voll bringen musste und mich bei den Jungen mit umziehen durfte. Sie begleiteten mich bei fast jedem Schritt, den ich machte auf dem Weg hin zu meinem Ich.

Anfang der 7. Klasse gingen meine Mutter und ich zu Treffen von Transsexuellen, Workshops für Eltern von transsexuellen Kindern und wurde immer mehr in meine Problematik eingeführt. Mit Mitte 13 fing ich dann auch mit meiner Therapie an.

Von da wurde nicht mehr in Frage gestellt, ob ich wirklich ein Junge sei. Natürlich wurde ich oft in der Schule darauf angesprochen, aber selbst die Kinder, die mir dumme, verletzende Fragen stellten und mit in den Schmutz zogen, versuchten nie, mich umzustimmen, doch lieber ein Mädchen zu sein. Man könnte fast meinen mein Leben wäre schön, abgesehen von meiner Transsexualität, aber das stimmt nicht. Bis heute muss ich komische Blicke abfangen, verletzende Fragen und Kommentare abblocken,  mich verstecken und darum kämpfen, endlich als Junge angesehen zu werden.

Jede Nacht liege ich im Bett und denke, wann hört das alles auf. Wann kann ich endlich ich sein. Sollte ich offen mit meiner Problematik umgehen oder sie lieber geheim halten. Sollte ich wegziehen, ein neues Leben beginnen oder hier bleiben in der Hoffnung, irgendwann kein Thema mehr zu sein.

Für alles gibt es Argumente, die dafür und dageben sprechen. Mich zu „outen“ wäre vielleicht eine Last weniger, nämlich mich immer und immer wieder verstecken zu müssen. Andererseits denke ich, dass meine Freundin, wenn ich dann eine hätte, von anderen beleidigt und gekränkt werden würde. Stellen Sie sich vor, Sie lieben einen Menschen von ganzem Herzen und sehen, was er alles für sie opfert. Sie sehen, wie dieser Mensch Tag für Tag runter gemacht und gedemütigt wird und Sie wissen, sie können nichts machen. Das will ich nicht.

Natürlich gibt es noch mehr Argumente, die dagegen sprechen, aber kommen wir zu dem „nicht Outen“.  Die Gerüchte würden nie aufhören. Ich würde immer wieder in der Angst leben, dass mich irgendwas verrät. Das ich mich selber verrate. Und dann bleibt nur noch das Weglaufen. Eigentlich halte ich nicht viel davon, vor Problemen wegzulaufen, aber ich glaube, manchmal muss das sein. Ich denke, ich wäre immer noch stark unter Druck, jemand aus meiner Umgebung würde davon erfahren, aber selbst dann wäre es nicht mehr so schlimm, denn ich denke, es gibt einen Unterschied der Reaktione zu diesem Thema von 13-16 jährigen pubertierenden Kindern, als von 17-19 jährigen langsam erwachsen werdenden Jugendlichen. Damit meine ich, das ich vielleicht mit 17-18 umziehen werden kann, da ich ja noch minderjährig bin. Das heißt, ich würde meine neue Umgebung erst mit 18 kennenlernen, was auch heißen würde, mein Umfeld, meineFreunde würden auch älter sein.

Es wäre ein toller neu Anfang. Keiner wüßte etwas über meine Vergangenheit und ich kann so leben, wie ich es vor 15 Jahren schon hätte tun sollen. Trotz alledem müsste ich dann alles aufgeben. Meine Freunde, mein Zuhause, all das und anderes. Ich weiß nicht, ob ich dafür bereit wäre.

Was meine Freunde angeht, manche wissen von meinem Problem, manche nicht. Trotz aller der Fragen, die sie immer über mich gestellt bekommen, konfrontieren sie mich nicht damit. Manche, weil sie wissen, dass es mich verletzen würde und manche, weil sie es nicht für wichtig halten, was ich bin. Sie verteidigen mich, wenn Leute mich doof anmachen oder über mich lästern, sie stehen immer zu mir und das finde ich unglaublich. Ich glaube es gibt nicht viele 14jährige, die das alles für ihren Freund tun und auf sich nehmen würden.

So gesehen, habe ich viel Glück, bezüglich meiner Familie, wie auch meiner Klasse und meiner Freunde. Denn auch meine Eltern und Verwandten unterstützen mich auf meinem Weg.

Dafür gibt es mehrere Gründe:

5 Jahre auf sich runter gucken und zu denken: “ Das soll nicht sein. Das soll weg“.

10 Jahre lang immer aufs Neue sich zu seinem Geburtstag zu wünschen, dass Gott einen verzaubert und man enldich ein kompletter Junge ist, jeden Tag und dauernd diese Demütigung, nicht so wie sein bester Freund zu sein, jeden Jungen zu beneiden für etwas, was man nicht hat.

Ich weiß nicht, ob Sie sich vorstellen können, ob sich das überhaupt jemand, der nicht transsexuell ist, vorstellen kann wie es ist, jeden Morgen in die Dusche zu steigen und wegzusehen, jeden Tag mehrere Unterhemden und T-Shirts tragen zu  müssen, egal wie heiß es ist, um seine Brüste zu verstecken, immer gucken zu müssen, das man nicht etwas zu eng Anliegendes anzieht, damit andere nicht sehen könnten, das man kein Junge ist.

Ich werde jeden Tag damit konfrontiert, wie ich bin, was ich nicht habe, was ich habe. Ich will freizügig herum laufen können, wieder schwimmen gehen, micht nicht mehr verstecken zu müssen, und vor allem will ich zu mir selbst finden, einen Schritt näher zu dem, wofür ich schon ein Leben lang kämpfe, zu dem, was ich schon ein Leben lang sein will, zu dem, was ich eigentlich schon ein Leben lang bin.

Das sind die wichtigsten Gründe für mich, weshalb ich diese Operation will.

Nebenbei will ich noch erwähnen, ich habe seit meinem letzten Versuch im Alter von  10 Jahren nicht mehr in Betracht gezogen, doch mit den Medikamenten wieder aufzuhören und es doch noch mal als Mädchen zu versuchen. Alleine der Gedanke, überhaupt diese Möglichkeit, doch noch ein Mädchen werden zu können, tut so sehr weh, dass es für micht keine Frage ist. Ich werde nie ein Mädchen sein.

Seit mir bewusst wurde, was ich bin, was nun alles auf mich zukommen würde und wie lange es dauern würde, bis ich das bin, was ich sein wollte, war ich  traurig. Natürlich gibt es hier und da mal Momente, in denen ich fröhlich war, aber sobald ich mich in meine Gedanken begab und für mich alleine war, spürte ich diese Trauer in mir. Ab und zu wünschte ich mir, meine Mutter würde nachts heimlich mit Ärzten in mein Zimmer kommen, mich betäuben und mich schnell umoperieren.

Wenn ich dann morgens aufwache und dah, alles war wie vorher, fing ich innerlich zu weinen an. Ich verglich mich immer mit den anderen Jungen und beneidete sie. Ich sah, wie ich immer weiblicher wurde und dadurch wurde ich auch immer trauriger.

Erst seit Anfang letzten Jahres fing ich endlich an, mich wohl zu fühlen. Immer mehr und immer mehr. Durch die pubertätshemenden Medikamente (welche ich momentan in Form einer 3-Monats-Depotspritze zu mir nehme), wusste ich mein Weg in Richtung Frau endet hier und jetzt.

Durch die Therapie mit gegengeschlechtlichen Hormonen (die ich in Form von Gel zu mir nehme), fühlte sich mich immer mehr wie ein pubertierender Junge. Langsam kippte meine Stimme, ich wurde immer behaarter und mein Körper wurde immer männlicher. Es war so ein wunderbares Gefühl, wie die anderen Jungen zu sein. Wie sie zu fühlen, wie sie zu klingen und teilweise, wie sie auszusehen.

Ich hoffe, ich habe Ihnen diese beiden am Anfang genannten Fragen so gut wie möglich beantwortet.

Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie von meinem Brief überzeugt sind und die Kosten für die mir nun vorstehende Operation übernehmen.

Mit freundlichen Grüßen

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