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Outing (2)

Umstieg im laufenden Arbeitsprozess? Ja, es geht!

von Carlo

Stunde „0“

Nach einem Gewerkschaftsseminar zum Thema „Homosexualität und Arbeitswelt“ war es endlich soweit – der Mut zu äußerlichen Veränderungen überwog alle Befürchtungen. Zwei Dinge erschienen mir dabei wichtig:

  1. Möglichst langsam vorgehen, denn den Anderen fällt es schwerer sich an die Veränderungen zu gewöhnen, als mir selbst.
  2. Die Form der Anrede den Anderen überlassen – nicht die Anrede ist wichtig, sondern die Akzeptanz.

Ich begann mit den Kolleginnen und Kollegen unter 4 Augen zu reden, die in meiner unmittelbaren Umgebung tätig waren. Zum Glück redeten wir sowieso recht viel über Privates miteinander. Ich bezog sie in meine Informationssuche, in meine Überlegungen mit ein. An Fortschritten und Ärgernissen des Weges ließ ich sie teilhaben. Sie teilten mein Unverständnis über den Alltagstest genauso wie mein Entsetzen darüber, dass mein Arzt mir das Sustanon nicht verabreichen wollte. Ich nutzte jede sich bietende Gelegenheit, mit weiteren KollegInnen über mein Vorhaben zu reden. Und ich baute auf die „stille Post“, die es ja in jedem Amt gibt.

4 Monate später – die erste Sustanonspritze

Für mich begann mein zweites Leben und die KollegInnen, die davon wussten, freuten sich mit mir. Jetzt wurde es auch langsam Zeit, den unmittelbaren Vorgesetzten zu informieren. Mein Fachbereichsleiter nahm es mit Erstaunen, aber wohlwollend auf. Mir wurde Unterstützung zugesagt, soweit es ihm möglich sei.

Das Sustanon wirkte erfreulich schnell, so dass ich schon bald am Telefon mit „Herr“ angesprochen wurde. Nach 5 Monaten irrte sich kaum noch ein Anrufer und ich dachte über die nächsten Schritte nach.

Da ich Mitglied im Personalrat bin, erklärte ich dem gesamten Gremium, wodurch die Veränderungen bewirkt wurden und was ich im einzelnen vor habe. Das war 9 Monate nach der Stunde „0“.

Während meines Urlaubs besuchte ich wieder ein Gewerkschaftsseminar, u.a. um mein Selbstbewusstsein zu stärken. Mit Hilfe der Teilnehmenden spielte ich alle Möglichkeiten durch, die es geben könnte, wenn ich die Direktorin des Amtes informiere. Ich brauchte einfach neuen Mut. Dazu muss gesagt werden, dass ich die offizielle Namensänderung nicht anstrebe.

1 Jahr später – Erheben des Anspruchs auf männliche Anrede

Als erstes bat ich meinen Vorgesetzten um die Änderung der Anrede. Er selbst sagte es mir zu, aber die Entscheidung im Amt wollte er natürlich der Direktorin überlassen. Er vereinbarte einen Termin bei ihr für mich.

Sie hatte sich auf das Gespräch vorbereitet, in dem sie bei der DGTI angerufen hatte. Patricia muss sie in einem 1-stündigen Telefongespräch davon überzeugt haben, dass Menschen wie ich, jede Unterstützung nötig und verdient haben. Allerdings bereitete meiner Direktorin Kopfschmerzen, dass ich die Namensänderung nicht beantragen will. Ein Text von Frau Augstein aus dem Internet hatte ich vorsichtshalber schon ausgedruckt. Auf alle Fälle wurde mir aber zugesagt, über den Amtsweg die KollegInnen von meiner Bitte zu informieren.

Die nächst höhere Ebene in der Hierarchie ist die Personalabteilung. Also vereinbarte ich dort einen Termin, um das Problem der Anrede ohne Namensänderung zu besprechen. Wir fanden eine völlig unkomplizierte Lösung. Alles was amtsintern ist – wie z.B. Telefonlisten, e-mail-Adressen und eben die Anrede – kann geändert werden. Schriftstücke im Außenverkehr werden sowieso von allen neutral nur mit Familiennamen unterschrieben. Der Dienstausweis wird neu ausgefertigt und enthält nur noch den Anfangsbuchstaben des Vornamens – Herr bzw. Frau steht sowieso nicht drauf. Die Urkunden zur Berufung ins Beamtenverhältnis können natürlich nicht geändert werden und die Personalakte wird weiter weiblich geführt. Bei evt. auftretenden Unklarheiten sollte ein Gespräch geführt werden.

14 Monate nach der Stunde „0“ hatten wir Personalversammlung. Ich nutzte diese einmalige Gelegenheit, um ca. 400 Menschen (ca. 1/3 der Belegschaft) in 3 kurzen Sätzen mitzuteilen, dass ich TM bin und mich freuen würde, wenn man mich als „Herr“ ansprechen würde. Bis auf eine Ausnahme gab es nur positive Reaktionen.

 

1,5 Jahre später – ein neuer Personalausweis

Zu diesem Zeitpunkt erschienen mir die Veränderungen ausreichend, um endlich ein neues Passfoto machen zu lassen. Ich hatte die Brust – OP hinter mir. Mein PA war kurz vor dem Ablaufen. Also habe ich einen neuen beantragt. Der Bearbeiter war sehr erstaunt, dass ich keine Namensänderung vor habe. Aber außer am Vornamen ist im PA das Geschlecht nicht zu erkennen und wer achtet schon auf den letzten Buchstaben des Vornamens?!

Im Dienst war ich in eine andere Gruppe versetzt worden. Die Gruppenleiterin wies mich gleich an, im Kopfbogen meiner Schreiben „Herr“ einzutragen, damit gar nicht erst Unsicherheiten entstehen. Der neue Dienstausweis wurde nun auch angefertigt. Nächste Änderung war die dienstliche e – mail- Adresse, da diese u.a. mit dem Vornamen gebildet wird. Meine Visitenkarte beantragte ich mit neutralem Aufdruck – erhalten habe ich sie mit ausgeschriebenen männlichen Vornamen. Schließlich stände der auch in der e – mail – Adresse und bei allen anderen MitarbeiterInnen ist er ja auch ausgeschrieben.

Inzwischen arbeite ich unter diesen Bedingungen bereits wieder ein ganzes Jahr. Natürlich gibt es immer noch KollegInnen, die es nicht schaffen (wollen?), mich mit „Herr“ anzureden. Selbst meinen FreundInnen fällt es im Gespräch noch schwer, immer an das „er“ zu denken. Mich stört das aber nicht.

Das Wichtigste ist doch, dass ich so akzeptiert werde, wie ich bin.

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