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Scheidung

Trans und Scheidung

von Christoph

Seit 16.08.2001 bin ich nun geschieden. Wie schon in einem anderen Gespräch mit Herbert angedeutet , meinem damaligen Ehemann , wollten wir uns auch im gutem Sinne scheiden lassen. Schon mal aus dem Grund da wir beide heterosexuell orientiert sind und als Ehepaar so keine weitere Zukunft für uns sahen . Dennoch nach all dem amtlichen wie auch psychischen Streß sind Herbert und ich nach wie vor gute Freunde , wenn nicht sogar etwas mehr ,geblieben. Unsere zwei Kinder haben unter unserer Scheidung nicht gelitten .
Eines haben Herbert und ich aus der ganzen Sache gelernt , daß wenn man sich scheiden lassen will/muß , man nicht überstürzt und im gegenseitigen Respekt handeln sollte.
Einige Fragen dazu habe ich mir noch einmal durch den Kopf gehen lassen und versucht sie für eventuelle „Nachzügler“ so gut es geht zu beantworten.. Zum Teil sind darin grundsätzliche Dinge , zum andren Teil sehr individuelle Lösungen.

 

Wie geht eine Scheidung ?

Am Besten sucht man sich einen Anwalt der Ehe und Familienrecht als Schwerpunkt hat. Dieser kennt sich in jeder Hinsicht und meist mit allem aus was mit Eheschließung – und Scheidung , sowie Sorgerecht der Kinder und Unterhaltsansprüchen- und Zahlungen zu tun hat.
Wenn ihr euch noch nicht ganz sicher seid , den Antrag auf Ehescheidung gleich beim ersten Termin stellen zu lassen , dann könnt ihr euch auch nur für ein Beratungsgespräch anmelden und eventuell vom Amtsgericht einen Beratungsschein ausstellen lassen. Dann bekommt ihr dieses Beratungsgespräch so gut wie umsonst. Ihr könnt aber auch den Anwalt selbst fragen ob dieser so einen Schein selbst beim Amtsgericht beantragen möchte oder kann.

 

Muß sich denn jeder einen Anwalt nehmen ?

Nein muß man nicht ! Je nach dem wie ihr euch versteht und wie klar die Sache zwischen euch abgeklärt wurde.
Wenn es allerdings etliche Streitfaktoren gibt, ihr euch gewaltig zankt und rauft bis aufs Blut , dann ist es besser (und auch teuerer) wenn jeder für sich einen Anwalt nimmt um so auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen.
Ist es so wie bei mir Herbert, daß alles schon längst abgesprochen ist und man sich in jedem Punkt einig ist, der Gang also nur noch Formsache ist, dann bietet sich die Lösung zu nur einem gemeinsamen Anwalt zu gehen direkt an !

 

Was tun wenn sich keiner der finanziell eine Scheidung leisten kann?

Macht nichts ! Deshalb bist du oder dein Mann nicht dazu verpflichtet , verheiratet bleiben zu müssen. Dafür gibt es Prozesskostenhilfe. Den Antrag dazu reicht der Anwalt selbst ein , wenn man ihm die missliche , finanzielle Lage schildert. Egal , ob du oder dein Mann minder verdient oder gar arbeitslos seid. Jedem von euch stünde in diesem Fall Prozesskostenhilfe zu . Erst recht wenn ihr Sozialhilfeempfänger seid.
Abgesehen davon , wenn du als Transmann zuvor dein Leben als Hausfrau und eventuell auch als Mutter bestritten hast und nun mehr in die Lage kommst dich scheiden zu lassen, tritt ohne hin für dich das Recht auf Prozesskostenhilfe ein. Außer du bist berufstätig und verdienst dein eigenes Geld , dann kommt es je nach der Höhe deines Einkommens an was Dir an eventueller Prozesskostenhilfe zu stünde. In keinem Fall aber kommt der Rechtsschutz für dich auf.

 

Was kostet denn eine Scheidung ?

Tja , die Berechnungen dafür , denke ich , sind verschieden. Bei uns kam es zu Gesamtkosten von ca.  2500 Euro (820 Euro gingen an das Gericht, 112 Euro für die Beantragung der Scheidung). Den Rest bekam die Anwältin für Telefonate , Schriftverkehr, Bearbeitungsgebühren und Beratergebühren usw.
Je nach Streitfaktoren und Un-oder Einigkeit richten sich auch die Kosten. Je mehr man also herumstreitet wegen der Ming-Vase von Tante Erna oder dem Ersparten auf diesem oder jenem Konto oder gar wegen dem Sorgerecht der Kinder, und je öfter dadurch das Familiengericht ,der Anwalt und der Richter bemüht werden müssen, um so höher auch die Kosten, sprich Streitwert !

 

Soll ich meine Transidentität als Scheidungsgrund angeben?

Ja natürlich! Deine Absicht ist es ja , dich als Frau soundso scheiden zu lassen , um als Herr soundso leben zu können.
Bei uns war der Scheidungsgrund wegen unzumutbarer Tragbarkeit beider Ehepartner wegen einer irreversiblen Transsexualität der Ehegattin. Deren geschlechtsangleichende Hormontherapie bereits im Januar diesen Jahres begonnen hatte und Namensänderung sowie Personenstandsänderung bei Gericht beantragt waren.
Zu Deutsch : Beide Ehepartner waren durch die neue Lebensweise (TS) in ihrem Freiraum eingeschränkt, da ich entschieden habe , mein Leben nun mehr als Mann fort zu führen. Aus diesem Grund bestand auch kein eheähnliches Verhältnis mehr. Beide waren wir uns sicher, betreffs unserer sexuellen Orientierung auch keine homosexuelle Ehe oder Beziehung führen zu wollen. Demnach betrachteten wir unsere Ehe und Partnerschaft als gescheitert.

 

Gibt es die Möglichkeit , eine Scheidung wegen Transidentität zu beschleunigen ?

Natürlich , die gibt es ! In diesem Falle müßte dein Partner die Scheidung einreichen und dann müßte die Lage nur für IHN unzumutbar sein , sprich :er leidet psychisch darunter das du zum Mann wirst. Dann tritt hier ein sogenannter Härtefall ein .
Eine andere Sachlage des Härtefalles wäre, wenn du wegen deiner TS oder durch deine TS in deiner Ehe psychisch die Hölle durch machen müßtest. Du ständigen Psychoterror von Seiten deines Ehemannes ausgesetzt wärest oder er gar körperliche Gewalt gegen dich anwenden würde.
Bei uns war zum Glück weder das eine noch das andere der Fall, sondern man ging ja einvernehmlich zum Anwalt. Demnach war ich die Antragstellerin und Herbert der Antragsgegner der dem Scheidungsverfahren nur noch zu stimmen mußte. Laut §1565 Abs.2 BGB kein Härtefall, sondern eine (fast) stink normale Scheidung mit Trennungsjahr und allem Drum herum !

 

Muß ich mich denn wegen Transidentität unbedingt scheiden lassen ?

NEIN!
Beantragst du NUR die Namensänderung von zum Beispiel Christina auf Christoph, ändert sich zwar dein Vorname, jedoch dein Geschlecht „weiblich“ bleibt. Somit kannst du also weiterhin mit deinem Mann verheiratet bleiben, in deiner Geburtsurkunde bestünde immer noch die Geschlechtsbezeichnung „weiblich“. Demnach ist dein Mann immer noch mit einer Frau verheiratet , die halt jetzt Christoph heißt.
Beantragst du auch die Personenstandsänderung, dann ändert sich damit auch der Eintrag deines Personenstandes in deiner Geburtsurkunde, und zwar von zum Beispiel weiblich auf männlich. Dann wäre dein Mann mit einem nunmehr auch gesetzlich geltenden Mann verheiratet.
In beiden Fällen wird die lediglich „automatisch“ die Ehestandsurkunde geändert und ihr könnt weiterhin verheiratet bleiben, sofern Ihr das wollt. Eine automatische Scheidung nach der Personenstandsänderung gibt es  nicht mehr.

 

Was tun wenn sich keiner deswegen scheiden lassen will?

Herzlichen Glückwunsch !! Dann bleibt ihr beide bleibt vor dem Gesetz weiterhin verheiratet. Im Rahmen der Namensänderung wird auch die Ehestandsurkunde geändert.

 

Kann ich trotz der Scheidung meine Namensänderung und Personenstandsänderung beantragen ?

Klar kannst du das.
Niemand schreibt dir vor , was du zuerst tun sollst.  In welcher Reihenfolge du genau das Verfahren der Namensänderung und das der Scheidung beantragst, ist nirgendwo amtlich festgelegt.
Ich persönlich habe für mich entschieden, zuerst die Personenstandsänderung zu machen und dann eben zum Scheidungsanwalt zu gehen.

 

Was ist wenn alles vorbei ist und ich nun als Mann mit geändertem Personenstand lebe. Bleiben da auch meine Ansprüche auf Unterhalt für mich und die Kinder erhalten ?

An und für sich ja, außer du hast in der Zwischenzeit begonnen wieder zu arbeiten. Dann wird dir das angerechnet und vom Unterhalt abgezogen oder je nach dem auch ganz gestrichen.

 

Wieviel hat mein Ex Ehemann mir zu zahlen und was bleibt ihm zum Leben ?

Je nach Tabelle (Düsseldorfer oder Nürnberger) richtet sich auch der Satz den er an Ehegattenunterhalt zu zahlen hat.
Mitunter kommt der Unterhalt der Kinder dazu, was sich ebenfals nach der selben Tabelle richtet. Insgesamt müßen ihm zum Leben 800 Euro bleiben und wenn er bereit ist zu zahlen und nicht einen auf arbeitslos macht , weiterhin zur Arbeit geht und seine monatlichen Abgaben korrekt einhält , dann bekommt er sogar noch vom Staat 5% Belohnung (sind in den 800 € schon enthalten).
Sollte es dennoch für euch beide knapp mit dem Geld werden so stehen euch beide ergänzende Sozialhilfe und Wohngeldzuschuß zu. Sowie finanzielle Förderungen vom Jugendamt für Kindergarten und horte , Gebührenbefreiung bei der Gez und der Krankenkasse. Bei der Carritas stehen jedem Sozialhilfeempfänger und Mindestverdiener monatlich die kostenlose Vergabe von Lebensmitteln zu und je nach Härtefall auch Kleidung und einer Karte für die Armenküche.

 

Wie ist das mit den materiellen Werten wie Haus oder Wohnung ? Bin ich bei einer Scheidung gezwungen sofort auszuziehen?

Wenn du sofort ausziehen willst und auch gleich eine neue Bleibe findest , dann kannst du das natürlich tun. Wenn aber eigentlich gar kein Grund oder Eile da ist , kann man sich innerhalb der ehelichen Wohnung getrennte Zimmer einrichten und so die Trennung vollziehen. Hinzu kommt auch hier wieder der Aspekt, in wie weit ihr euch vertragt und wie gut das Zusammenleben nach dem CO noch klappt. Alles andere müßtet ihr dann mit dem Anwalt klären. Aber an und für sich , nur , weil man sich scheiden läßt , MUß man nicht ausziehen und kann man auch nicht aus der Wohnung verwiesen werden.

 

Kann man mir die Kinder wegnehmen oder mein Mann das alleinige Sorgerecht einklagen ?

NEIN!!!! Nur weil du transidentisch bist, heißt das nicht das du unfähig bist deinem(n) Kind(ern) ein gutes Elternteil zu sein. Du bist ja , in der Regel , nicht psychisch so dermaßen daneben , nicht mehr in der Lage zu sein einem Kind Liebe und Geborgenheit und Stütze zu geben.
Selbst das Jugendamt hat darüber eine sehr humane Ansicht. Soweit bei den Kindern keine schweren psychischen oder sozialen Entwicklungsstörungen festgestellt werden, sie verwahrlost oder mißhandelt werden von dir, warum sollte man die Kinder von ihrer immer noch gesetzlichen Mutter trennen?
Nur weil man ein Transident ist wird man nicht entmündigt oder gar in seiner Würde als Mensch herabgesetzt.
Ich persönlich habe da beim Jugendamt sehr gute Erfahrungen gemacht. Die zuständigen Sachbearbeiter meinten nur dazu , daß dies wohl eine persönliche Sache wäre und soweit was er beobachten konnte, keines der Kinder für ihm einen psychisch gestörten Eindruck machen würde.
Ganz gleich ob dies Meinung von einem Sachbearbeiter kam der wegen dem Terror mit meiner Schwiegermutter bei uns ermittelte oder der Sachbearbeiter bei der Antragstelle für Kindergartengeld oder gar erst neulich bei der Adoptionsstelle wegen der Beantragung meines Sohnes Samuels. Das einzige was hier intersierte wann meine Personsnstandsänderung wäre und wann ich vorhätte die Mutter des Kindes zu heiraten. Alle weiteren Fragen wurden rein aus Neugierde gestellt und gerne beantwortet. Schließlich hatte ich ja nichts zu verbergen.
Das wichtigste also wäre offen und ehrlich alles darzulegen und zu sich , zu seinen Kindern und zu seiner Entscheidung zu stehen.
Was das Sorgerecht angeht : Auch hier kommt es immer auf den individuellen Fall an, wie ihr euch geeinigt habt. Ob im Streit oder in aller Bedachtheit und Ruhe. In den meisten Fällen bleibt das beiderseitige Sorgerecht bestehen. Nur im Einzelfall wird dir oder dem Ehemann das Sorgerecht abgesprochen wenn Psychologisch bewiesen ist das derjenige niemals in der Lage ist ein Sorgerecht für sein Kind auch kindgerecht auszuführen. Dazu müßte aber schon etwas sehr Schwerwiegendes vorliegen und Transidentität ist in diesem Fall niemals der Grund. Also ruhig Blut NIEMAND kann und darf dir die /das Kind (er ) wegnehmen.

 

Wie lange dauert überhaupt alles in allem ?

Wir hatten am 26.03.2001 den ersten Besprechungstermin bei unserer Anwältin. Am 28.03.2001 wurde der Scheidungsantrag bei Gericht eingereicht . Das offizielle Trennungsjahr wurde angesetzt von 10.08.2000 (der Tag meines Coming Outs bei Herbert ) Am 9.08.2001 war Anhörung am Familiengericht. Am 16.08.2001 war die Verhandlung .Danach hatte jede Partei ein noch vierwöchiges Einspruchsrecht gegen das Scheidungsurteil. Bis dahin passierte aber nichts weiter , also wurde die Scheidung somit am 22.09.2001 rechtskräftig gesprochen und gültig. Wäre jedoch von einem von uns in den vier Wochen ein Widerspruch oder dergleichen gekommen so hätte man sich erneut zu einem gerichtlichen Übereinkommen treffen müssen.

 

Was muß ich beachten und was brauche ich zum Scheiden ?

Für den ersten Anwaltstermin :
Einen gültigen Personalausweis, evtl. den dgti-Ausweis, evtl. Kopie eines Outingschreiben des Therapeuten, Geburtsurkunden der Eheleute und Kinder , Heiratsurkunde oder Stammbuch , Verdienstübersicht von beiden oder die des Ehemannes , und natürlich den Scheidungsgrund nicht vergessen.

 

Scheidung und der ganze Kram ist doch purer Nervenstress ?

Sicher ist es das . Auch wir hatten bei aller Abgeklärtheit hier und da unsere Reibereien. Wichtig ist einfach nur , sich letztendlich in Würde und Achtung zu trennen. Gegenseitiger Respekt und gegenseitiges Verständnis sollte oberstes Gebot sein , um einen sauberen Schlußstrich unter die Sache zu ziehen. Schließlich möchte jeder nach all dem Trubel sein Leben wieder oder endlich in für sich geregelten Bahnen leben. Je mehr man sich dieses Recht gegenseitig verwehrt, um so mehr Nerven wie auch Geld kostet natürlich die Angelegenheit. Im Endeffekt kommt es dann evtl. zu keinem produktiven Resultat oder im schlimmsten Fall zu gar nichts.

In diesem Sinne wünsche ich jedem Transmann, jeder Transfrau und jedem Ehepartner der das jetzt gerade liest , alles Gute für die Zukunft. Behaltet die Nerven. Versucht aufeinander einzugehen , versucht Verständnis für den anderen aufzubringen . Nur so könnt ihr aus der momentanen verzweifelten Lage einen Weg zur Freiheit für euch BEIDE und euren Kindern finden.

 

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