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Eine Frau, die keine sein wollte

Die Geschichte einer Frau, die keine Frau sein wollte

Kurze Haare, breite Schultern, muskulöser Körper,Klick für Vergrösserung
behaarte Beine, behaarte Brust. Die Stimme ist tief und sonor.
Ein ganz normaler Mann. Eigentlich.
Nur dass Ulrich Weiß (Namegeändert) früher Ulrike hieß.

Das Kind, das so gern ein Junge wäre

„Mit vier Jahren war der Wunsch, lieber ein Junge zu sein, zum ersten Mal da“, erzählt Ulrich. Doch im Vergleich zu heute waren es kleine Probleme, die Ulrike damals umtrieben: “ Wenn ich auf die Toilette musste, musste ich immer da rein, wo`s Röckle hing. Aber da wollte ich nicht rein. Ich wollte zu den Buben.“ Ulrike wollte nicht mit den Röckle in Verbindung gebracht werden. Sie wollte auch keine Kleider anziehen: “ Ich hasste Lackschühchen, Rüschen und die Farbe Rosa.“ Damals hatten die Mädchen immer rosa Handtücher, aber „ich wollte ein himmelblaue“.
Ulrike wollte auch nicht mit Puppen spielen. Viel lieber waren ihr Räuber und Gendarm, Autos oder Eisenbahn. Eines Tages stand sie bei ihrer Oma am Fenster und sagte: “ Wenn das ginge, wäre ich viel lieber ein Junge“.
Mit sieben Jahren sah Ulrike zum ersten Mal einen Penis-„Ich bin ohne Vater aufgewachsen „- bei ihrem Cousin. “ Ich war so neidisch. Der konnte im Stehen, und vor allem viel weiter pinkeln als ich.“

Das Mädchen, das wie ein Junge ist

Dann die Pubertät und mit ihr die Zeit der Brüste. Bei Ulrike allerdings viel später als bei anderen Mädchen: „Ich habe mich innerlich gegen alles Weibliche gewehrt.“ So lange es ging, lief Ulrike oben ohne rum: „Mir habe die Bikinis nie gefallen Ich fand Badehosen viel schöner.“
Ulrike ging zum Judo. Ein Männersport. Auch da waren ihr die Brüste im Weg. Die Männer waren unter der Judojacke nackt, Ulrike musste ein T-Shirt tragen: „Das fand ich scheiße.“ Immer wieder das Gefühl des Bedauerns. „Scheiße, warum bin ich kein Mann?“ war der – mal mehr, mal weniger- alles beherrschende Gedanke.
Zu den psychischen Problemen kamen soziale. Nicht nur wegen des Geschlechts- Ulrike hatte auch ADS
( Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom): „Ich hatte ein großes Problem mit mir selbst und bin deswegen immer angeeckt.“ Sie war zu burschikos, zu jungenhaft. Sie stand immer im Abseits, auch wenn sie versuchte, Kompromisse zu schließen.
Anerkennung bekam Ulrich nur im Sport, im Squash. Doch auch da gab es Probleme: „Die Jungs wollten nicht mit mir spielen, weil sie Angst hatten, dass ich sie schlage.“ Und mit Mädchen wollte sie nicht spielen. Dennoch konnte sie sich im Sport abreagieren. Anerkennung und Ausgleich fand sie auch in ihren Hobbys. “ Ich fand Jagen toll und Motorradfahren“ Nur die ganz großen Motorräder wollte sie fahren, doch wieder einmal hieß es, wie schon so oft:
“ Du kannst das als Frau nicht.“ Und wieder das Bedauern: “ Warum bin ich kein Mann?“
Die Schule war vorbei. Ulrike wollte Maurer werden. “ Das geht nicht“, sagten die Leute, “ als Frau musst du schöne Fingernägel haben“. So ging`s fort. Ulrike fühlte sich als Frau ständig und überall benachteiligt. Ein Schlüsselerlebnis auch die Tanzstunde: “ Ich hasset das Gefühl, aufgefordert zu werden, geführt zu werden. Die Weiber wurden doch immer nur herumgedreht. Ich wollte selbst führen“ Immer, immer wieder: “ Warum bin ich nur kein Mann?“

Die Frau, die nicht weiß, wer sie ist

Den “ ersten Typ“ hatte Ulrike mit 19. “ Der hat mich aber nur benutzt. Und ich konnte dieses Männerdenken einfach nicht verstehen.“ Die Folge: Männerkonsum. “ Ich dachte immer, da muss doch mal einer kommen.“ Er kam nicht. Dafür die erste Frau: “ Da habe ich mich besser aufgehoben gefühlt. Frauen können besser zuhören. Und, ich konnte die Männerrolle übernehmen.“ Aber egal. Wie männlich sie sich auch verhielt, sie war eben doch immer eine Frau.

Mit 28 Jahren las sie in der „Emma“ einen Bericht über Transidität.“ Da haben sie lauter so Trümmer-Transen vorgestellt. Ich habe mich mit denen verglichen und gedacht, Scheiße, das bist du auch nicht! Was bist du dann?“
Dennoch geisterte der Gedanke immer wieder durch den Hinterkopf. Ihr Leben ging derweil ganz normal weiter. Sie hatte mehrere Frauenbeziehungen, die aber scheiterten: „Ich hatte immer Hetro-Frauen. Die Beziehungen gingen kaputt, weil ich kein Mann war. Unter anderem. Die Frauen haben oft zu mir gesagt, wenn Du ein Mann wärst….““ Die Frauen sahen in Ulrike zwar den Mann, kamen aber mit dem Umfeld nicht klar, mit Sprüchen wie ,Was hast Du da für ein Mannweib´ . Da war es wieder: „Warum bin ich kein Mann?“
Ausweg? Gab es keinen. „Ich kam aus dieser Sackgasse nicht raus. Also blieb ich einfach drin.“ Das einzige, was sie machen konnte und auch machte: Sie ließ sich nur noch mit Ulli anreden. Ein Name, den auch Männer haben.
Dann „gingen alle Lampen aus“. Ulli hatte keine Beziehung, kein Geld, keinen Job. Die Lage war hoffnungslos. Der letzte Ausweg: eine Psychotherapie. Und plötzlich war dieser Artikel aus der „Emma“ wieder im Kopf: „Wenn ich da hingehe, rede ich mit dem Therapeuten gleich über eine Angleichung.“ Resultat de4r ersten Sitzung: Ulli bekam Ritalin, ein Medikament, mit dem ADS behandelt wird. „Dadurch konnte ich meine Gedanken sortieren. Ich habe langsam meinen Trümmerhaufen aufgeräumt, mein Leben sortiert. Und plötzlich wusste ich, was ich bin.“ Von Jetzt auf Gleich war sich Ulli sicher: „Ich mache die Angleichung!“
Zweites Schlüsselerlebnis: Der Christopher -Street-Day in Stuttgart vor zwei Jahren. Dort gab es einen stand der Selbsthilfegruppe: „Da waren Trümmertransen. Aber eine war stimmig und die hat mich überzeugt.“ Sie hat Ulli auch bei den Formalitäten geholfen, sie unterstützt.

Die Frau, die als Mann auftritt

Bevor Ulli jedoch die Anträge zur Vornamens – und Personenstandsänderung stellte, wollte sie den Alltagstest machen: Das ist zwar keine Pflicht, aber ich wollte das machen, um zu reifen, um mich zu prüfen, um mich mit meiner neuen Identität anzufreunden.“ Alltagstest will heißen: Ab sofort trat Ulrike – noch mit weiblichem Körper und weiblichen Gesichtszügen – nur noch als Mann auf. Ließ sich mit Herr Weiß und Ulrich anreden.
Bevor sie jedoch als Mann auftrat, schrieb sie eine Liste mit Personen aus dem geschäftlichen – sie arbeitete bereits in einem Männerberuf – und privaten Umfeld: “ Denen habe ich eine Broschüre gemacht. Da stand drin, dass ich mich ab sofort so und so nenne, dass ich transidentisch bin. Allgemeines über Transidentität und dass ich vorhabe, mich angleichen zu lassen.“
Durchweg stieß sie auf positive Reaktionen. „Mein Chef war sehr kulant und auch die Kollegen haben sehr positiv reagiert.“ Freunde sowieso: „Das liegt wohl daran, dass ich offensiv mit dem Thema umgehe, versuche, es verständlich zu machen.“
Der 3. Oktober 2001 war der Tag des „Comming outs“: Ulli trat nur noch als Mann auf. „Das war dann nicht mehr so schlimm. Im Kopf war schon alles fertig, und ich habe mich ins kalte Wasser gestürzt.“ Ulli ging konsequent auf die Männertoilette: „Das kostete zwar am Anfang schon Überwindung, aber ich habe mich dabei wohl gefühlt.“
Dann die Anträge. Vom Gericht wurden zwei unabhängige Gutachter bestellt. Ulli suchte sich absichtlich zwei besonders strenge Ärzte aus. „Ich wollte ganz sicher sein, dass der Weg richtig ist.“ Bereits nach der ersten Sitzung war das Gutachten da: „Das heißt, ich war stimmig.“ Nach einem halben Jahr war die Namensänderung rechtskräftig.
Es ging daran, die Operationstermine auszumachen. Und Ulli bekam die erste Hormonspritze: „Die krieg ich jetzt für den Rest meines Lebens alle 14 Tage.“ Nach der zweiten Spritze die erste Veränderung: Die Periode blieb aus. „Ein Genuss.“ Nach zwei bis drei Monaten kam dann der Stimmbruch. Während der ganzen Zeit ging Ulli weiter zur Psychotherapie: „Ich wollte sicher gehen, dass ich nicht tuntig wirke und wirklich stimmig bin.“

Die Frau, die zum Mann wird

Dann die Operationen, die übrigens die Krankenkasse bezahlt: „Ich hatte die Wahl. Erst die Brust oder erst die Gebärmutter. Aber für mich ar klar. Zuerst müssen die Titten weg. Ich nannte Brüste bei mir Titten, weil ich sie hasste.“ Die Arztwahl war das Schwierigste: „Da gibt es richtige Verbrecher. Du bist eine Subkultur. Die wollen an Dir nur Geld verdienen.“ Deswegen hat er die Ärzte persönlich aufgesucht, sich dann für eine OP-Methode entschieden. Einerseits gibt es die schnelle billigere Methode. Es entstehen Narben, das Gefühl in den Brustwarzen ist weg. Also der Entschluss für die aufwendigere OP: Die Brustwarzen werden geteilt. Das Fettgewebe wird mit den Händen herausgenommen. Es bleiben keine Narben und auch das Gefühl bleibt erhalten.
War der erste Moment ohne Brüste das Glück auf Erden? „Nein. Irgendwie war alles ganz normal. Ich habe mich einfach zu mir hin entwickelt.“ Ein paar Monate später wurde die Gebärmutter entfernt. „Das waren höllische Schmerzen. Aber das war es mir wert .Ich wollte das Geschlonze weg haben.“ Wieder ein unschönes Wort für etwas, das ihm immer zuwider war. „Im Laufe der Zeit wurde ich immer ausgeglichener, zufriedener. Ich genieße die Vorteile als Mann. Ich habe die Titten gehasst, die wenige Kraft, die Oberarme.“

Der ganz normale Mann

Heute wird Ulli von Tag zu Tag männlicher und findet sich als Mann viel besser als eine Frau: „Weil ich das jetzt bin. Ich war kein Weib.“ Wenn er alte Photos von Ulrike anschaut, lächelt er: „Das war nicht ich. Ich wollte mit übertriebener Männlichkeit das kompensieren, was ich nicht habe.“ Jetzt hat Ulrich nur noch einen Wunsch: „Ich wünsche mir, dass ich als Mann nicht mehr auffalle. Ich wünsche mir nichts sehnlicher als Normalität!“ Ulrich sieht sich selbst als ganz normalen Mann mit transidentischer Vergangenheit: „Ich will nicht die Berufstranse sein.“ Die Transidentität war für ihn eine Problematik, dann eine Thematik und ist jetzt Vergangenheit: „Das geilste ist, wenn keiner weiß, dass ich eine Frau war, und ich als Mann nicht mehr auffalle.“


Typisch Mann

Ein Interview über die Unterschiede zwischen den Geschlechtern

Von Tag zu Tag wird Ulrich männlicher.
Aber ist das Leben als Mann tatsächlich einfacher, besser?
Wie fühlt er sich in seiner Identität?

Denke Sie, dass es Gründe gibt, warum jemand transidentisch ist?

Vielleicht hat sich die Mutter einen Sohn gewünscht, und dadurch hat das ungeborene Kind eine zusätzliche Hormondusche bekommen. Bei mir kam vielleicht noch hinzu, dass ich ohne Vater aufgewachsen bin. Ich habe dann die Männerrolle übernommen, wollte meiner Mutter immer helfen.

Wie lebt es sich als Mann? Besser als als Frau?

De facto ja. Jetzt werden mir nach meinen Möglichkeiten die Angebote gemacht. Ich bin auch mit meinem Körper zufriedener. Ich werde als das angesehen, was ich auch bin. Als Mann. Ich bin nicht mehr zerrissen von innerlichen Konflikten, habe einen Schritt zu mir selbst getan.

Was sind die Unterschiede zwischen Mann und Frau?

Ich kann jetzt nur von mir persönlich sprechen, Ich beziehe Kritik nicht mehr auf mich selbst. Bin sozusagen unsensibler geworden. Ich kann Liebe und Sex besser trennen. Der Trieb ist stärker geworden. Mehr kann ich noch nicht sagen.

Was sind die Vorteile daran, ein Mann zu sein?

Männer müssen nicht ordentlich sein. Zumindest hieß es immer ,Dafür kannst du dir eine Frau suchen´ Männer verdienen mehr Geld. Im Berufsleben müssten sich Frauen immer ein Türchen suchen. Das ist zum Beispiel eine Qualität, die ich nie hatte. Frauen haben es in Führungspositionen immer schwerer, werden schneller kritisiert. Sie suchen die Schuld eher bei sich. Das machen Männer nicht.

Haben Sie alle Männerangewohnheiten angenommen? Oder haben Sie in manchen Dingen noch eine typisch weibliche Denkart?

Schwer zu sagen. Männer verhalten sich teilweise wie Walrosse, wie die Elefanten im Porzellanladen. Sie zwängen sich zum Beispiel durch die Menge durch und das stört sie überhaupt nicht. Frauen dagegen gehen außen herum. So unachtsam gehe ich nicht mit Dingen, Menschen um. Ich achte mehr auf die anderen, achte mehr auf Dinge, Gegenstände, wie etwa Geschirr. Das sind sicherlich positive weibliche Angewohnheiten. Ich bin auch bewusster geworden, mache mir mehr Gedanken. Ich schätze die Kleinigkeiten im Leben, weil ich mein Leben so schön finde. Ich weiß allerdings nicht, ob das geschlechtsspezifisch ist. Ich denke aber, dass ich einen Vorteil gegenüber den biologischen Männern habe: Dadurch, dass ich mit Frauen als Frau befreundet war, kann ich die Gefühlswelt der Frauen besser nachvollziehen. Treue kann ich nachvollziehen. Ich weiß, was Frauen wichtig ist. Außerdem haben Frauen eine ganz andere Problembewältigung als Männer: Männer lösen Probleme mit dem Großhirn. Sie saufen mehr, schlägern eher. Frauen dagegen reden mehr. Viel mehr. Dass ich das alles weiß, ist ein Riesenvorteil für eine Partnerschaft.

Wie fühlen Sie sich jetzt?

Ich bin glücklich und froh, diesen Weg gegangen zu sein. Mein Speicherplatz im Gehirn war voll Müll. Jetzt habe ich diesen Müll weggemacht und bin damit einen großen Schritt vorangegangen.

 


 

Quelle:
Rems-Murr-Rundschau vom 28. September 2002 ( Ausgabe 226-g)
Text: Patricia Rap

Anmerkung:
Wir danken „Ulrich“ für die Bereitstellung seines Artikels, der somit seine ganz persönlichen Erfahrungen und Sichtweisen darstellt. „Ulrich“ ist der TransFamily bekannt und die weitere Vervielfältigung und Veröffentlichung bedarf seiner Genehmigung!

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